Sonnenuntergang
Jede Seele muss gesunden,
wenn sie reine Schönheit trinkt.
Sag’, hast du das nie empfunden
abends, wenn die Sonne sinkt?
Kannst du etwas Schöneres denken
als des Sonnentags Verglüh’n,
wenn sich Rosenschleier senken
segnend auf der Menschheit Müh’n?
Sahst du nie auf seiner Reise
das verlorene Wolkenboot?
Jeden Abend schwimmt es leise
durch das letzte Sonnenrot.
Sieh’, das Boot trägt unsre Tränen,
jeden unerfüllten Traum,
jedes Leid und jedes Sehnen
durch der Schönheit lichten Raum.
Durch des Abends heil’ge Gluten
fährt es hin am Firmament,
bis es in den Sonnenfluten
still mit seiner Last verbrennt.
Carl Wolff 1884-1938
Aus der Sammlung “Auf stillen Wegen”
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